Heute beginne ich mit einem schweren Thema. Es geht um den Missbrauch von Kindern, die heute erwachsen sind. Wie kann ein Erwachsener Missbrauch verarbeiten?

In den 60er und 70er Jahren war über dieses Thema wenig bekannt. Es gab wenig Informationen darüber. Eltern wussten häufig nicht, wie sie in so einer Situation reagieren sollen. Täter anzuzeigen konnte unangenehme Befragungen von Kindern zur Folge haben. Die Kinderpsychologie war damals noch nicht so weit, wie sie heute ist. Eltern haben manchmal auf Anzeigen verzichtet, aus Scham, aus Unsicherheit und um ihre Kinder zu schützen. So kamen Täter immer wieder ungeschoren davon. Die Kinder blieben in solchen Fällen mit ihren Gefühlen von Schuld, Ekel, und Schmerz allein. Die Seele schützt sich, in dem das Erlebte verdrängt wird.

Wird ein Kind erwachsen, bestimmen diese unterbewussten Gefühle vor allem die Partnerschaften nachhaltig. Vielen ist gar nicht bewusst, dass es überhaupt ein Problem gibt. Sie empfinden eben nicht soviel Freude an der körperlichen Liebe, oder wiederholen Erfahrungen von Schmerz und Ekel. Die wenigsten bringen Ihre Probleme mit Kindheits-Erlebnissen in Verbindung. Um Missbrauch als Erwachsener verarbeiten zu können, ist therapeutische Hilfe erforderlich. Es sind Erinnerungen an die verdrängten Gefühle, die helfen können sich von den unterbewussten Mustern zu lösen. Es ist kein einfacher und oft ein langer Weg.

Die nachfolgende Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit, ist aber zum Schutz der Betroffenen anonymisiert und leicht verändert wieder gegeben. Sie beschreibt die Erinnerungen eines ehemaligen Missbrauchs Opfers aus heutiger Sicht. Es ist eine individuelle Geschichte, in keiner Weise allgemein gültig. Der Betroffenen hat die Erinnerung geholfen, die Gefühle von damals aufzuarbeiten und Partnerschaft ganz neu zu erleben. Die Gefühle von damals bestimmen nicht mehr ihr Leben. Sie sind ein Teil Ihrer Vergangenheit geworden.

Ich halte es für wichtig, dieses Thema mehr in die Öffentlichkeit zu bringen. Wie geht es einem ehemaligen Opfer und wie lebt es damit? Wie kann es sein, dass so etwas nach 30 oder 40 Jahren noch immer eine Rolle spielen soll?

Ich möchte Sie einladen, sich von diesen Erinnerungen berühren zu lassen. Sie sind stellenweise eklig, schockierend, aber vielleicht verstehen Sie ein bisschen, wie es einem Menschen ergeht, der so etwas erlebt hat. Wenn Sie selbst betroffen sind, seien Sie bitte vorsichtig mit einem solchen Text, denn das Gehirn wird Ihnen vielleicht ungefragt Ihre eigenen Erinnerungen präsentieren. Wenn das der Fall ist, suchen Sie bitte einen erfahrenen Therapeuten auf.

Mein Weg führte immer wieder bei Euch vorbei.
Eure kleinen Katzen haben uns Mädchen angezogen.
Arglos gingen wir in Eure Falle, wieder und wieder, Wochen und Monate lang.
Verstanden ja nicht, worum es geht, unschuldig, wie Kinder sind.

Du stecktest Deine eklige Zunge in meinen Mund,
schmatzende Küsse, faulige Zähne, ein ekliger Geschmack,
der an einem kleben blieb.
Selbst das Ausspülen des Mundes half nicht, als bliebe etwas auf der Zunge kleben.
Beschmutzt kam ich mir vor.

Du hast mich auf Deinen Schoß gesetzt,
ich hatte nicht genug aufgepasst.
Du warst viel stärker als ich, wehren zwecklos.
Ich bin erstarrt, habe gewartet, dass es vorbei ist.

Dein Schnaufen, das ich nicht verstand,
Deine dreckige Hand, mit gelben, schmutzigen Fingern
in meiner weißen Frotteehose.
Sie hat zugeschaut und nichts gemacht.

Manchmal war meine Freundin dran.
Ich war froh, wenn es mich nicht getroffen hat.

Deine große hässliche Nase, rot und blau
voller schwarzer Poren.
Deine Augen, wässrig und klein.
Alles an Dir war alt und verschwitzt.

Wir haben geschwiegen, es war peinlich.
Auch miteinander haben wir nie darüber gesprochen.
Warum?

Es war so unaussprechbar, nicht real.
Darüber zu sprechen, hätte es real gemacht.
So konnten wir so tun, als wäre nichts geschehen.
Zurück in ein sauberes Zuhause.
Darüber zu sprechen hätte bedeutet,
den Schmutz mit nach Hause zu bringen.

Zum Glück habt ihr es herausgefunden.
Danach war es vorbei und das war gut.
Was blieb war das Gefühl von Schuld,
auch für die Sorge, die ich Euch bereitet habe.

Heute weiß ich, die Schuld war ganz allein bei ihm und seiner Frau.
Ich war unschuldig und lasse jetzt alle Schuld bei ihm.
Auch der Schmutz bleibt bei ihm. Ich bleibe rein.
Warum hat mir das damals keiner gesagt?

Wenn ein Missbrauch geschieht, fühlen sich Kinder meist beschmutzt, sie schämen sich und fühlen sich in vielen Fällen irgendwie schuldig. Kommt der Missbrauch heraus, gibt es meist eine große Aufregung. Eltern sind verständlicherweise aufgebracht und machen sich natürlich große Sorgen. Ganz besonders schwer ist es, wenn ein Elternteil ein Kind missbraucht hat. Dabei kann es passieren, dass ein solches Kind sich zusätzlich schuldig fühlt, weil es Grund für die ganze Aufregung ist, Grund, das es den Eltern schlecht geht. Dann zieht es sich zurück.

Aus der Sicht eines Kindes kann es hilfreich sein, wenn das Kind den Schutz der Eltern erfährt, also sieht, dass die Eltern ihm gegenüber stark sind. Kinder sollten ihre Gefühle und das was passiert ist schildern dürfen, egal wie eklig es ist, frei von Entrüstung, Vorwürfen und Urteilen. Sie brauchen Verständnis, Sicherheit und viel Zeit um sich zu öffnen und zu äußern. Oft schämen sie sich für das, was passiert ist. Zu begreifen, dass sie unschuldig sind und nichts falsch gemacht haben, ist für sie elementar. Das Erlebte kann nicht mehr rückgängig gemacht werden, daher hilft es aus Sicht des Kindes, wenn Eltern das Geschehene aushalten können, beim Zuhören zugewandt und ruhig bleiben.

Bitte beachten Sie: Im Fall von Missbrauch ist auf alle Fälle professionelle, therapeutische Hilfe erforderlich, für das Kind und für die Eltern.

Ich danke allen, die mir ihre Gefühle und ihre Geschichte anvertraut haben.
Über Ihren Kommentar zu diesem Thema würde ich mich freuen.

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